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Neue S3-Leitlinie zur Borreliose der DGN

Vorbeugung von Symptomen von Zeckenstichen und Lyme-Borreliose

Vorbeugung von Symptomen von Zeckenstichen und Lyme-Borreliose

Nach mehrjähriger Arbeit hat die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) am 12.04.2018 erstmals eine S3-Leitlinie zur Diagnose und Therapie der Neuroborreliose bei Kindern und Erwachsenen herausgebracht. Sie gilt als wesentlicher Bestandteil der seit 2011 in Arbeit befindlichen interdisziplinären S3-Gesamtleitlinie “Lyme-Borreliose, Diagnostik und Therapie (AWMF-Registernr. 013-080)“. Ein Rechtsstreit hatte die Herausgabe verzögert.


Was bringt die neue Leitlinie zur Borreliose?

Ziel der in Arbeit befindlichen Gesamtleitlinie sind evidenzbasierte Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose, eine verbesserte Früherkennung sowie die Vermeidung von Fehldiagnosen. Ferner soll sie die nach Kenntnisstand der Wissenschaft optimalen Behandlungsmethoden festschreiben. Die jetzt erschienene Neuroborreliose-Leitlinie ist der erste Baustein.

S3-Leitlinien sind für behandelnde Ärzte ein wichtiger Leitfaden für die korrekte Erkennung und Behandlung von Krankheiten. Hinter einer solchen Leitlinie steckt eine Menge Arbeit, von der Auswertung und Beurteilung vorhandener Leitlinien über systematische Recherche und Bewertung von Fachliteratur bis hin zum mehrheitsfähigen Konsens.

Letztlich versuchen die Teilnehmer nach bestem Wissen und Gewissen die für eine Erkrankung wichtigen Fragestellungen nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin zu beantworten, um so den Klinikern die bestmögliche Behandlung ihrer Patienten zu ermöglichen. Eine S3-Leitlinie stellt die höchsten Anforderungen und gilt damit als höchste Qualitätsstufe.

Die wichtigsten Neuerungen in der S3-Leitlinie Neuroborreliose

Für die neue S3-Leitlinie wurden unter anderem systematische Reviews (Dersch et al. 2014, 2015, Torbahn et al. 2016) berücksichtigt, die die antibiotische Therapie der Neuroborreliose anhand der vorliegenden Veröffentlichungen näher analysieren. Die wichtigsten Erkenntnisse:

  • Es gibt keine Hinweise für einen positiven Effekt der Verlängerung der Antibiotikatherapie über 14 Tage bei früher und 14-21 Tage bei später Neuroborreliose.
  • Bei früher Neuroborreliose ist Doxycyclin bei ähnlicher Verträglichkeit ebenso wirksam wie β-Lactam-Antibiotika (Penicillin, Cefotaxim, Ceftriaxon).
  • Eine klinische Wirksamkeit von Antibiotika-Kombinationen ist klinisch nicht belegt.
  • Zur Wirksamkeit von Chloroquin, Carbapenemen und Metronidazol gibt es keinerlei Studiendaten.

Die wichtigsten Empfehlungen der S3-Leitlinie Neuroborreliose

Die neue Leitlinie spricht einige ausdrückliche Empfehlungen bei Diagnose und Therapie aus. Am wichtigsten davon sind:

  • Besteht Verdacht auf Neuroborreliose, lässt sich diese am sichersten durch gegen Borrelien gebildete Antikörper im Liquor nachweisen. Ärzte sollen diese Diagnostik nur bei hinreichend begründetem Verdacht anfordern. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt zunächst einen ELISA-Test, danach einen Western Blot zur sicheren Diagnose.
  • Frühe und späte Neuroborreliose sind mit Doxycyclin, Cetriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G zu behandeln.
  • Die Behandlungsdauer soll bei einer frühen Neuroborreliose 14 Tage, bei einer späten Neuroborreliose 14-21 Tage betragen.
  • Der Erfolg dieser Antibiotikatherapie ist anhand der Besserung der klinischen Symptomatik zu beurteilen.

Rechtsstreit um die Veröffentlichung der neuen S3-Leitlinie Neuroborreliose

Die Veröffentlichung der neuen S3-Leitlinie hat sich durch einen Rechtsstreit verzögert. Die Deutsche Borreliosegesellschaft , der Borreliose und FSME-Bund Deutschland und mehrere Selbsthilfegruppen waren mit den Empfehlungen nicht einverstanden. Sie stellten sich dem Ergebnis der beteiligten fünfundzwanzig Organisationen, darunter Robert-Koch-Institut und Paul-Ehrlich-Institut, entgegen. Zudem wollten sie eigene Sondervoten in den Leitlinientext einbringen.

Sie bestanden zudem auf der Aufnahme mehrerer Bluttests als Bausteine der Diagnosestellung, die die Fachgesellschaften als unbrauchbar eingestuft hatten. Zudem halten sie eine Langzeitbehandlung mit hoch dosierten Antibiotika bis zu einigen Monaten in einigen Fällen für gerechtfertigt, wofür es keine evidenzbasierte Grundlage gibt. Die Fachgesellschaften widersprechen dem und weisen darauf hin, dass monatelange Antibiotikagaben mehr schaden als nutzen und teilweise lebensbedrohliche Folgen haben können.

Eine einstweilige Verfügung gegen die Veröffentlichung der S3-Leitlinie Neuroborreliose hat das Landgericht Berlin mit Urteil vom 12. März 2018 aufgehoben.

Wie geht es mit der S3-Gesamtleitlinie zur Diagnostik und Therapie der Lyme-Borreliose weiter?

Weitere in Arbeit befindliche Leitlinien, die in die S3-Gesamtleitlinie integriert werden sollen, sind die derzeitige S2k-Leitlinie Kutane Lyme-Borreliose (AWMF-Registernr. 013/044) und die geplante Leitlinie Lyme-Arthritis, Lyme-Karditis und andere seltene Manifestationen. Voraussichtlich werden die beteiligten Gesellschaften noch einige Jahre mit der Ausarbeitung beschäftigt sein.

Quellen, Links und weiterführende Literatur

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN):
    Pressemitteilung: Folgen eines Zeckenstichs sicher erkennen und behandeln: Leitlinie Neuroborreliose veröffentlicht. Link; PDF.
    Pressemitteilung: Leitlinie zur Neuroborreliose kann in Kraft treten. Link.

 

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF):
    AWMF-Registernummer 030/071: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie: Neuroborreliose.

– Langfassung der Leitlinie Neuroborreliose. PDF.
PDF.
Clinical Pathway: Ablauf der Diagnostik bei der frühen und der späten Neuroborreliose. PDF.

  • AWMF-Registernummer 013-080: Angemeldetes Leitlinienvorhaben Lyme-Borreliose, Diagnostik und Therapie. Link.

 

  • Dersch R, Freitag MH, Schmidt S, Sommer H, Rücker G, Rauer S, Meerpohl JJ.
    Efficacy and safety of pharmacological treatments for neuroborreliosis–protocol for a systematic review.
    Syst Rev. 2014 Oct 21;3:117. doi: 10.1186/2046-4053-3-117. Review. PDF.

 

  • Dersch R, Freitag MH, Schmidt S, Sommer H, Rauer S, Meerpohl JJ.
    Efficacy and safety of pharmacological treatments for acute Lyme neuroborreliosis – a systematic review.
    Eur J Neurol. 2015 Sep;22(9):1249-59. doi: 10.1111/ene.12744. Epub 2015 Jun 8. Review.

 

  • Torbahn G, Hofmann H, Allert R, Freitag MH, Dersch R, Fingerle V, Sommer H, Motschall E, Meerpohl JJ, Schmucker C.
    Efficacy and safety of pharmacological agents in the treatment of erythema migrans in early Lyme borreliosis-systematic review protocol.
    Syst Rev. 2016 May 3;5:73. doi: 10.1186/s13643-016-0251-3. Review.